Karneval – Ferien vom ICH?

Zum Annehmen gehört auch loslassen

Die Psychologie der „5. Jahreszeit“ – auch für Karnevalsmuffel

 

Karneval, Fasnacht, Fasnet, Fasching: Die Narren haben wieder Hochsaison. Je nach Region hallt es Alaaf (Köln), Helau (Düsseldorf), Ahoi (im Badischen, in der Pfalz und im Norden Deutschlands) oder Narri Narro bei der schwäbisch-alemannischen Fasnacht durch die Gassen und Hallen. Doch egal, wie man es nennt – die Psychologie des Karnevals ist bei jeder Bezeichnung die Gleiche.

 

Der Ursprung

„Karneval“ stammt aus dem lateinischen „carne vale“. Das bedeutet so viel wie „Fleisch, lebe wohl“. Was man heute umgehend mit dem Etikett „vegetarisch oder vegan“ assoziiert, weist jedoch in seinem Ursprung auf eine kirchliche Bedeutung hin: Die 40 Tage andauernde Fastenzeit vor Ostern. Bevor es also ernst wurde, nutzte das Volk die Gelegenheit, noch einmal richtig zu feiern.

Vor dem damaligen Hintergrund lag die Psychologie des Karnevals demnach wohl eher darin, noch einmal richtig über die Strenge schlagen zu dürfen. In ohnehin kargen Zeiten brauchte es dazu noch nicht einmal besonders viel.

In der heutigen Zeit jedoch, in der zahlreiche Impulse und Angebote – auch in der digitalen Welt – jeden Tag zum „Feiern“ einladen, hat sich die Psychologie des Karnevals auf eine subtilere Ebene verlagert: Heute erholt man sich von dem Überangebot und den zahlreichen Ansprüchen und Zwängen, die dieses mit sich bringt, in Form von „Ferien vom Ich“ für 5 tolle Tage.

 

Psychologie des Karnevals: einmal Prinzessin sein!

Ich geb’s zu: Ich bin waschechte Rheinländerin,

geboren in der Nähe von Krefeld! Als Kind habe ich den Karneval geliebt und als Prinzessin oder Indianerin an diesen Tagen „die Welt im Bläschen“ gehabt. Etwas älter dann haben wir so manche Karnevalssaison in Köln, Düsseldorf oder Aachen mit ausgiebigem Feiern verbracht.

Heute jedoch, als erwachsene Frau, die nach einigen Jahren u.a. in Westfalen und Rheinland-Pfalz nun in Baden-Württemberg lebt, hat der Karneval nur noch geringe Bedeutung für mich.

Obwohl, wenn ich dann mal eines der schönen alten klassischen Karnevalslieder höre, dann packt es mich doch, und ich singe laut mit!

 

Psychologie des Karnevals: wer macht sich wann zum Affen?

Warum macht man sich eigentlich „zum Affen“?

So mancher Karnevalsgegner mag sich kopfschüttelnd diese Frage stellen, wenn er dem bunten Treiben schaudernd den Rücken kehrt.

Dabei lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen! Beginnen wir mit der Frage, wann man denn eigentlich „der Affe“ ist?

Wie viele Rollen nehmen wir tagtäglich ein? Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Angestellter, Chef, Unternehmerin, Freund, Nachbarin, Vereinsmitglied, Trainer, Lehrerin – die Liste ist lang. Und manche der Rollen füllen wir zum Teil gleichzeitig aus.

Wo bleibt da das SELBST? Was ist aus dem Jungen geworden, der eigentlich Musiker werden wollte, aber dann BWL studierte? Er ist in die Firma des Vaters eingestiegen und leitet sie heute als Geschäftsführer.

Wohin flog der Traum der jungen Frau, im Ausland Medizin zu studieren, um dann direkt vor Ort den Menschen zu helfen, als sie entdeckte, dass sie schwanger ist? Sie ist Mutter geworden, und sie liebt ihre Kinder.

Zugegeben, etwas klischeehaft, aber lass uns den Gedanken weiterspinnen:

Wenn der Geschäftsführer als Rockmusiker verkleidet zur Prunksitzung in den Gürzenich geht und die Mutter am Rosenmontag im Arztkittel mit Plastikstetoskop auf den Straßen tanzt, dann stellt sich die Frage, wann sich die beiden denn nun eigentlich „zum Affen machen“?

 

Psychologie des Karnevals: Ferien vom Ich

Die Psychologie des Karnevals 1: Ferien vom ICH

Verstehen wir das ICH als die Person, die wir im Außen sind, über die unser Ego sich hauptsächlich definiert, dann liegt hier die Antwort.

Unsere beiden Protagonisten freuen sich daran, an den Tagen im Karneval als Rockmusiker und Ärztin wieder einen Teil ihres SELBST ausleben zu können. Da dürfen alte Träume und nicht erfüllte Wünsche 5 Tage lang ungehindert wieder gelebt werden, während sie sich den Rest des Jahres in den Rollen, die ihr ICH ausmachen, gegenüber ihrem SELBST „zum Affen machen“.

Der Karneval ist demnach gut für die Seele. Und das ganz ohne langwierige Therapie, teure Medizin oder ungesunde Substanzen (o.k., die paar Kölsch am Rosenmontag mal ausgenommen).

In jedem Menschen steckt das Bedürfnis, einmal die Realität auszublenden und ohne alle Konsequenzen Neues auszuprobieren. Im Karneval haben unsere sozialen Rollen Pause.

 

Die Psychologie des Karnevals 2: Unter sticht ober

Und im Karneval lösen sich Gruppenhierarchien auf, denn es herrscht eine Zeit der veränderten Gesetzmäßigkeiten.

Eingeläutet wird dies traditionell mit der symbolischen Machtabgabe der Obrigkeit: Die Narren kassieren die Schlüssel des Rathauses ihrer Stadt. Die Sachbearbeiterin aus der Buchhaltung schneidet dem CFO die Krawatte ab. Und das gesamte Team darf als Clowns verkleidet unbehelligt seine Späße mit der Chefin machen.

Die Großen können mal loslassen und die Kleinen dürfen mal Höhenluft schnuppern. Jeder von ihnen weiß, dass es im „richtigen Leben“ anders ist. Und keiner will auf Dauer wirklich die Rolle des anderen. Dieser temporäre Rollentausch ist eines der ungeschriebenen Gesetze in einer Ausnahmezeit, in der vieles akzeptiert ist.

 

Kein Spiel ohne Regeln

Diese Akzeptanz ist eine ganz wichtige Voraussetzung für das Gelingen des großen Spiels, das sich Karneval, Fasnacht, Fasnet oder Fasching nennt. Solche Ausnahmezeiten funktionieren nur, wenn bestimmte, allgemein gültige Vereinbarungen gelten. Dazu braucht es gewisse Spielregeln. Für den Karneval finden sie sich niedergeschrieben in der Ethik-Charta des Bundes Deutscher Karneval.

Und der erste Paragraf ist zugleich auch der wichtigste: „Am Aschermittwoch ist definitiv Schluss.“

Aber bis dahin mag so mancher noch mitsingen und mitträumen bei dem Lied „Ach wär ich nur ein einzig Mal ein schmucker Prinz im Karneval…!“

Wie verbringst du die „Tollen Tage“ – fliehst du oder stürzt du dich hinein? Schreibe es gerne in die Kommentare! Ich freue mich darüber und lese sie alle!

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