Loslassen

statt leiden

Auch ich musste heute loslassen – nämlich meinen Redaktionsplan. Denn das aktuelle Geschehen funkte mal wieder gründlich dazwischen.

Dieses unwürdige Gezerre der beiden „Könige“ aus Nordrhein-Westfalen und Bayern um die Kanzlerkandidatur war Anlass genug, sich einmal mit dem Thema „Loslassen“ zu befassen.

Dies wird kein politischer Artikel, sondern ein psychologischer. Er soll einen Beitrag dazu leisten, wie du durch zu wenig Achtsamkeit einfach nur unnötig leidest und was du dagegen tun kannst.

Ich werde mich daher jetzt nicht auf den einen oder anderen Kandidaten politisch oder menschlich festlegen, sondern sie nur als aktuelles Beispiel anführen, wie Nicht – Loslassen zu Leid führen kann.

Doch vorab noch eine wichtige Betrachtung:

Schmerz und Leiden ist nicht das Gleiche!

Wieso das? Es ist doch offensichtlich, dass ich beim Griff auf die heiße Herdplatte Schmerz empfinde und dann ziemlich unter der Verbrennung leide. Richtig – für diejenigen, die noch ungeübt in Achtsamkeit sind, ist das so.

Doch mit steigender Erfahrung und Übung in Achtsamkeit wird plötzlich der winzige Abstand zwischen Empfindung und Wahrnehmung deutlich.

Du empfindest den Schmerz und erst Bruchteile von Sekunden danach setzt die Wahrnehmung ein: „Das tut weh, und das will ich nicht“.

Das heißt natürlich nicht, dass Achtsamkeit-Profis jetzt frei von Schmerz und Leiden sind! Sie sind allerdings in der Lage, die beiden Ereignisse voneinander zu trennen.

Es fällt ihnen leichter, Leiden loszulassen, denn sie haben die Weisheit in den Worten des römischen Kaisers Marc Aurel erkannt

„Wenn ein Gegenstand der Außenwelt dich missmutig macht, so ist es nicht jener, der dich beunruhigt, sondern vielmehr dein Urteil darüber; dieses aber sofort zu tilgen, steht in deiner Macht.“[1]

Das heißt, der Schmerz ist da, doch es liegt an dir, wie du darüber denkst, bzw. wie du ihn wahrnimmst.

Diese Wahrnehmung ist dann das eigentliche Leiden. Und das geschieht durch zwei Arten der Wahrnehmung:

  1. Abneigung oder
  2. Anhaftung.

Schauen wir uns nun an, wie wir die beiden Formen des Leidens loslassen:

 

Loslassen statt Abneigung

Loslassen

statt Leiden durch Abneigung

Hier greift unser Beispiel von oben: Auf die heiße Herdplatte packen tut sauweh! Das ist ein heftiger Schmerz, den wir natürlich nicht haben wollen und deshalb Abneigung entwickeln.

Das darf auch so sein. Kein Mensch erwartet nun, dass du beseelt vor dich hinflötest „ich mag meinen Schmerz“. Du darfst zucken, du darfst fluchen – aber dann darfst du loslassen.

Und zwar die Gedanken an und durch das Ereignis: „Wie blöd bin ich!?“ Oder: „Jetzt bekomme ich ein fette Brandblase!“ Oder: „Ach, ich bin so ein armer Mensch und das tut soooo weh!“

Und was hat das jetzt mit dem aktuellen Tagesgeschehen zu tun? Herr Söder hat den Zusammenhang ein wenig schneller begriffen. Für ihn war es sicher ein Schmerz, nicht Kanzlerkandidat zu werden. Und er hatte wohl auch eine Abneigung dagegen, dass jemand die Kandidatur innehat, den die breite Basis anscheinend gar nicht will.

Doch als es dann entschieden war, hat er die Abneigung losgelassen und damit sein Leiden ebenfalls. Und das gibt ihm nun Kraft für die Aufgaben, die vor ihm liegen.

 

Loslassen statt Anhaftung

Loslassen

statt Leiden durch Anhaftung

Wie funktioniert das nun mit dem Leiden durch Anhaften?

Zunächst ein Beispiel: Wenn du (hoffentlich bald mal wieder) in deinem wohlverdienten Urlaub am Strand liegst, dann wünschst du dir, die Zeit würde nie vergehen.

Doch auch der schönste Urlaub ist einmal zu Ende. Und wenn ich deswegen traurig oder schlecht gelaunt bin, dann liegt das daran, dass ich an der schönen Zeit „anhafte“ und sie nicht loslassen will.

Denk mal daran, wenn dich der typische „Sonntag-Abend-Blues“ packt. Sage dir dann einfach: „Das Wochenende war schön, doch jetzt darf es zu Ende gehen“.

Für Armin Laschet stand wohl ein wenig mehr auf dem Spiel als nur ein Wochenende. Sein Leiden war das heftige Anhaften an der Idee der Kanzlerkandidatur und an alten Gepflogenheiten und Ritualen.

Entgegen aller Umfragewerte und Stimmen aus der Basis und der Bevölkerung konnte er nicht loslassen und fand einen Weg, auch nicht loslassen zu müssen.

Ob der Schmerz einer Niederlage letztendlich dann doch noch (mehr) Leiden hervorruft, wird sich noch zeigen… .

Warum aus Schmerz also auch noch Leiden werden kann, hängt demnach vom Umgang mit unangenehmen oder blöden Gefühlen ab.

Und ein bewusster Umgang damit ist wiederum ein Ergebnis von Achtsamkeit und damit ein wichtiger Bestandteil des Achtsamen Selbstmanagements.

Deshalb gibt es jetzt noch drei Tipps zum Umgang mit blöden Gefühlen im Alltag:

 

Loslassen - Niedermachen

Blöde Gefühle loslassen #1

Mach dich nicht runter, wenn’s dir mal schlecht geht

Im letzten Artikel „Zu viel auf einmal“ ging es um zu hohe Ansprüche, die dich so stressen können, dass irgendwann gar nichts mehr geht.

Aber soweit muss es gar nicht kommen. Es reicht, wenn du dich jedes Mal gepflegt innerlich zur Sau machst, wenn du mal „nicht funktionierst“. Du hast gerade richtig fiese Rückenschmerzen und kannst einfach nicht den ganzen Tag am Schreibtisch sitzen oder mit dem Partner wandern gehen? Dann ist das so, und der Schmerz an sich reicht auch schon.

Wenn du jetzt zusätzlich noch Leiden heraufbeschwörst, indem du dir vorwirfst, unbeweglich und/oder unsportlich oder sonst etwas zu sein, dann macht es das nicht besser. (Das wäre dann übrigens „Leiden durch Abneigung“.)

Wenn du dir jetzt Vorwürfe machst, nichts gemeinsam mit deinem Partner unternehmen zu können oder dir seine möglichen Vorwürfe auch noch reinziehst, anstatt sie zurückzuweisen, dann tut der Rücken noch viel länger weh.

Also: Sorge gut für dich, kuschle dich in eine Haltung, die nicht ganz so weh tut und freu dich auf den Moment, wenn die Rückenschmerzen wieder vorbei sind. (Und dein Partner soll dir einen schönen Tee kochen).

 

Loslassen Drache

Blöde Gefühle loslassen #2

Füttere den Drachen nicht

Das ist nicht nur ein Gruß an alle Hypochonder. Auch andere Menschen neigen gerne dazu, sich in blöden Gefühlen zu verlieren.

In meinem Artikel über „Fehlerkultur“ habe ich die unterschiedlichen Persönlichkeitstypen und ihre Art, mit Fehlern oder Missgeschick umzugehen, schon beschrieben. Wenn ich dazu neige, alles auf mich zu beziehen und das als generell und „immer zutreffend“ betrachte, dann kriegt der Drache immer mehr Futter.

Genauso wirkt der Mechanismus, wenn ich einmal etwas Blödes erlebt habe und nun schon jedes Mal auf der Lauer liege, ob das wieder passiert.

Glaub mir – nach dem Gesetz der sich selbst erfüllenden Prophezeiung WIRD es wieder passieren, weil du alles andere gar nicht mehr bemerken wirst.

Also: Es ist etwas Blödes passiert? O.k., ist so und darf jetzt auch so sein. Und dann lass die Abneigung und damit das Leiden los und sei offen für die neuen Dinge.

 

Loslassen - o.k. bemerken

Blöde Gefühle loslassen #3

Merke mal bewusst, wenn nichts wehtut

Wenn du das Fazit aus Punkt zwei geschafft hast, dann ist Punkt drei ganz einfach: Du merkst nämlich plötzlich, wenn alles o.k. ist.

Wenn wir heftige Zahnschmerzen haben oder uns vor Liebeskummer grämen, dann wünschen wir uns nichts mehr, als dass es (endlich) wieder anders sein möge. (Bei den Zahnschmerzen treffen wir wieder auf das „Leiden durch Abneigung“, während das Vermissen des ehemaligen Partners „Leiden durch Anhaften“ an schöne Zeiten mit ihm ist.)

Doch wenn wir dann „wieder kraftvoll zubeißen können“ und mit unserem Partner glücklich sind, dann nehmen wir das oft gar nicht wahr.

Deshalb ist die Achtsame Tagesplanung so wichtig: Hier schreibst du auf, worüber du dich freust und wofür du dankbar bist – immer, jeden Tag. Und das übt.

Und damit machst du etwas ganz Wichtiges für dein Achtsames Selbstmanagement: Du lernst immer besser, Schmerz und Leiden zu trennen.

Das verhindert zwar nicht, dass du ab und an mal Schmerzen haben wirst – egal welcher Art. Aber es lässt dieses Gefühl von Hilflosigkeit kleiner werden, weil du selbst entscheidest, ob du dem Schmerz auch noch Leiden hinzufügen willst.

Jetzt hast du hast Lust, das mal so richtig zu lernen mit dem Achtsamen Selbstmanagement? Wenn du auf Facebook bist, komm gerne in meine Gruppe „Ziele erreichen durch Achtsames Selbstmanagement“. Dort findest du direkten Zugang zu mir und erfährst noch mehr über mindfulnessence.

Du bist nicht auf Facebook? Kein Problem: Melde dich bei mir – per E-Mail oder hier, und wir schauen mal, wie wir das gemeinsam hinkriegen.

 

[1]           Marc Aurel. Selbstbetrachtungen. (Stuttgart: Reclam, 1974. Achtes Buch, Vers 47; S.129).